Straßenmusik

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Ihr wollt vor einem Publikum spielen, findet aber keine passende Bühne? Unser Vorschlag: die Straße.
Auch wenn Leute bei Straßenmusik Bilder von komisch aussehenden, Ziehharmonika spielenden Leuten im Kopf haben, wird Straßenmusik immer häufiger von Künstlern dazu genutzt, ihre Musik in einer fremden Stadt zu promoten. Denn wo geht das besser als Samstagmittags in einer übervölkerten Fußgängerzone?!

Nico ist Gitarrist und Songwriter in der Band „A5 Richtung Wir“ und kennt sich aus. Auf der Straße hat er praktisch überall in Deutschland und sogar schon in vielen Nachbarländern gespielt. Wir haben mit Nico gesprochen und ihn nach seinen Erfahrungen gefragt. Nachfolgend erfahrt Ihr was ihr beachten müsst, was wichtig ist und was an Straßenmusik eigentlich so toll ist. Zudem könnt ihr am Ende des Artikels Nico live in Action erleben und bestaunen.

1. Das Instrument
Nicos Meinung nach ist die typische Person, die auf der Straße steht, der Gitarrist und Sänger. Ganz hilfreich ist auch, wenn man jemanden dabei hat, der einen mit einer Art von Perkussion begleitet, denn grundsätzlich reagieren Menschen immer auf Beats, Lautstärke und Rhythmus. Ein Bass auf der Straße funktioniert wegen dem lauten Straßenlärm dagegen überhaupt nicht. Am besten ist es, wenn man herumexperimentiert, denn die Straße ist die beste Spielwiese, neue Lieder an Publikum auszuprobieren. Oft passen auch exotische Instrumente, die man nicht so oft auf der Straße sieht, z.B. ein Xylophon, eine Geige oder ein Cello.

2. Die Idee
Angefangen hat bei Nico alles im Jahre 2005. Da war das Internet noch nicht so weit wie heute und einen Führerschein hatte Nico damals auch noch nicht. Durch das Konzerte spielen alleine kam Nico nicht weiter und auch Plakatierungen und Flyer halfen nicht dabei, mehr Zuschauer auf seine Konzerte zu bringen. Daraufhin stelle er sich die Frage, warum die Leute zu seinen Konzerten kommen sollen, wenn sie ihn noch nie gehört haben? Kurz und gut: Die Band muss zu den Leuten, und wo sind die Leute? Eben, Samstagnachmittags auf der Fußgängerzone. So hat Nico angefangen in Freiburg, seiner Heimatstadt, auf der Straße zu spielen. Im darauffolgenden Sommer ging er dann zum ersten Mal auf „Tour“. Ohne Führerschein – dafür aber mit dem Ba-Wü-Ticket.

3. Die passende Stadt
Den besten Ort kann Nico eigentlich nicht festlegen, doch „sehr offen sind die Leute in Freiburg, da hier auch viele junge Leute leben. In Stuttgart sind die Leute im Gegensatz zu anderen Städten eher verhalten.“ Nach Erfahrung der Band schneidet Karlsruhe nicht so gut ab. Das liegt daran, dass auf den öffentlichen Plätzen oft die Straßenbahn fährt. Gegen diesen Geräuschpegel ist es schwer anzukommen. Großstädte wie Berlin sind für Musiker auf der Straße auch eher ungeeignet, weil sie zu unübersichtlich sind. Der Alexanderplatz z.B. ist viel zu weitläufig, um dort gehört zu werden, die Einkaufsstraße in Hamburg geht dagegen ziemlich gut. In Mainz und einigen weiteren Städten in Bayern konnte Nico am meisten Geld verdienen.
Außerhalb von Deutschland empfiehlt Nico vor allem Basel, Mailand oder Toulouse.

4. Der Spaßfaktor
Nico ist vor allem davon begeistert, wie viele tolle Menschen er durch das Musizieren auf der Straße kennengelernt hat. Einige davon trifft er sogar bis heute immer wieder bei seinen Konzerten. Über die Jahre hinweg haben sich Nico und seine Bandkollegen eine große und beständige Fanbase mit den Straßenkonzerten aufgebaut. Straßenmusik ist für Nico ein ideales Promotion-Tool für sich und seine Musik. Auf der Straße konnte Nico auch schon Verbindungen zu Veranstaltern herstellen: Nachdem Nico nur zweimal in Nürnberg auf der Straße spielte, bekam er gleich ein Angebot, regelmäßig in einer Strandbar zu spielen.
Großen Spaß bereitet es Nico auch, wenn er nicht alleine sondern gemeinsam mit seinen Bandkollegen spielt. Deswegen waren die gemeinsamen Touren, in denen die Jungs vier Wochen am Stück unterwegs waren, im Auto geschlafen haben und ohne einen Cent in der Tasche los gefahren sind, die schönsten Erlebnisse für ihn.

5. Equipment
Viel benötigt Ihr nicht, ein paar Sachen sind aber unabdingbar. Klar ist, dass jeder Musiker ein Instrument braucht. Zudem ist es auch hilfreich, wenn die Künstler einen Koffer vor sich stehen haben, in dem schon ein Bisschen Kleingeld liegt. Daran orientiert sich das Publikum. Dazu kann man noch ein paar Flyer und CDs auslegen. Nico hat beispielsweise immer Plakate und Aufkleber dabei. Wichtig hierbei ist, dass Eure vollständigen Kontaktdaten stets auf den Drucksachen zu finden sind.
Wenn Nico ein Konzert spielt, geht er zuvor nachmittags oftmals auf der Straße spielen. Dort bietet sich die Möglichkeit, gleich Tickets für den Abend zu verkaufen. So hatte Nico mit seiner Band schon unerwarteterweise ausverkaufte Konzerte in fremden Städten

6. Stuttgart – man muss nur wissen wo
Der beste Platz in Stuttgart ist klar – die Königstraße, Stuttgarts Einkaufsstraße Nummer eins. Diese ist menschenüberfüllt, lang und touristenfreundlich, somit perfekt geeignet für Straßenmusiker. Zudem kann man hier ganz einfach vier Mal den Ort wechseln und ist doch immer noch auf derselben Straße.
Aber auch hier gibt es noch ein paar Dinge, die Ihr beachten müsst. Ein guter Standort ist direkt am Anfang der Königstraße in der Nähe des Hauptbahnhofs. Von dort aus starten viele Touristen und Besucher ihre Shoppingtour. Nico ist aufgefallen, dass die Leute meistens nur die Hälfte der Königstraße hochlaufen, also nur bis zum Schlossplatz. Dieser weitläufige Platz ist für Straßenmusiker aufgrund der Größe suboptimal.  Stellt Euch lieber gegenüber von einer Wand, dann prallt die Akustik ab und der Sound ist ideal. Es muss auch nicht immer ein Platz sein, an dem Ihr gleich gesehen werdet. Manchmal ist es schon hilfreich, in einer Passage mit schöner Akustik zu spielen.

7. Der Büroktratiedschungel
Laut Nico ist es in Baden-Württemberg eigentlich ganz locker. Laut der Verordnung der Stadt Stuttgart gibt es hier acht Plätze entlang der Königstraße, an denen Musikmachen auf der Straße erlaubt ist. Leider dürfen jedoch keine CDs verkauft werden. „Ich will die Musik ja aber unter die Leute bringen“, sagt Nico. Deswegen hält er sich nicht immer an diese Vorschrift – wer keinen Ärger will, sollte sich jedoch daran halten.
Die Verordnung gibt ebenfalls vor, dass Musiker nicht länger als 30 Minuten an der gleichen Stelle musizieren dürfen. Die gesamte Verordnung kannst Du hier herunterladen und nachlesen.

In anderen Städten sehen die Richtlinien zum Teil anders aus. In allen bayrischen Städten braucht Ihr beispielsweise eine kostenpflichtige Genehmigung, die Ihr Euch jedes Mal mühsam im Ordnungsamt abholen müsst. Solch eine Genehmigung gibt es schon ab 2,50 Euro, lästig ist und bleibt jedoch der Gang zum Ordnungsamt. Manchmal sind vor Ort keine Genehmigungen vorhanden, sodass diese ggf. schon zwei Monate im Voraus reserviert werden müssen. Informiert Euch deshalb immer vorher über die örtlichen Rahmenbedingungen.

Verheerende Strafen drohen einem Musiker auf der Straße übrigens nicht. Das schlimmste, was passieren kann ist, dass ein Platzverweis erteilt wird. „Die Polizei hat mir schon einmal angedroht, dass sie mir meine Gitarre wegnehmen“, sagt Nico. Bei solchen Drohungen geht man dann doch lieber freiwillig.

8. Zum Abschluss: Tipps und Tricks
Unter der Woche seid Ihr lange nicht so erfolgreich wie am Wochenende. Aber auch das Wetter spielt eine Rolle. So ist ein sonniger Samstag der beste Tag um auf der Straße zu spielen. Zudem ist Nico auch aufgefallen, dass die Leute am Anfang des Monats mehr Geld geben. So kommt Nico an guten Tagen pro Straßen-Gig auf stolze 70 Euro.

Ihr habt nun einen ausführlichen Überblick erhalten über das richtige Equipment, die notwendigen Formulare, den besten Spielort und am Wichtigsten: die vielen Vorteile, die Euch die Straßenmusik bietet. Es gibt keinen Grund an der Hemmschwelle zu scheitern: ab auf die Straße mit Euch.

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