Bandbiografien

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Dieser Text stammt von Björn Springorum, Textchef bei Orkus!, freier Autor bei Stuttgarter Nachrichten, Metal Hammer, Classic Rock

Bandbiografien sind ein heikles Thema. Als vorrangig im Musikbusiness tätiger Journalist habe ich in den letzten zehn Jahren hunderte solcher Biografien gelesen und auch schon ein gutes Dutzend selbst verfasst. Dadurch kann ich einerseits beurteilen, was man lieber weglassen sollte, und andererseits abschätzen, was keinesfalls fehlen darf. Die Musterlösung für eine Bandbiografie gibt es zwar nicht, dennoch lassen sich gewisse Gesetzmäßigkeiten herausarbeiten, an denen man sich entlanghangeln kann. Letztlich muss man aber selbst ein Gespür dafür haben, welche Biografie zu seiner Band passt. Eine Partyband sollte keinen allzu prosaischen, kunstvollen Text vorzuweisen haben, ein melancholisches Folk-Duo sollte nicht allzu flapsig und gut gelaunt daherkommen. Die Biografie ist als weiterer Teil der Corporate Identity zu verstehen, muss demnach genau so zur Band passen wie die Fotos, die Musik und die Lyrics.

Frage 1: Welchen Zweck hat eine gute Bandbiografie?

So abgedroschen es klingt: Eine Biografie ist eure Visitenkarte. Meist ist sie mit das erste, was eine Plattenfirma, ein Journalist, ein Vertrieb oder ein sonstiger Medienvertreter in die Hände bekommt – manchmal noch bevor man einen Ton eurer Musik gehört hat. Zuallererst sollte eine Biografie also Lust auf das „Produkt“ dahinter machen – eure Band. Sie muss zeigen, dass diese Band nicht alltäglich ist, dass es sich lohnt, die Zeit in eine intensivere Auseinandersetzung zu investieren. Denn Zeit hat bekanntlich niemand mehr und gerade Plattenfirmen oder Pressemenschen sitzen vor hohen Demo- und Promostapeln mit nichtssagenden Fresszetteln. Da lohnt es, Zeit und Mühe in einen guten Text zu stecken. Letztlich zeigt man damit auch, dass man es ernst meint und man sich über alles Gedanken gemacht hat.

Eine gute Bandbiografie sichert zu Beginn das Wichtigste: Die Aufmerksamkeit des Lesers.

Frage 2: Wie schreibt man eine gute Bandbiografie?

Diese Frage lässt sich auf zwei Arten beantworten. Entweder mit der Nennung elementarer Bestandteile – oder man könnte all das aufzählen, was eine schlechte Bandbiografie ausmacht und letztlich alle genannten Elemente einfach weglassen. Ganz nach Mark Twains Motto „Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen.“ Als Musiker wisst ihr natürlich, dass es eben doch nicht so einfach ist, schließlich schreibt sich ein großartiger Song auch nicht, indem man ein paar schiefe Töne weglässt. In den Grundzügen können wir uns dennoch an Twains Worten orientieren, denn es bringt eine ganze Menge, wenn man kapitale Anfängerfehler aus seiner Biografie heraushält.

2.1. Der Auftakt

Nehmen wir diesen fiktiven Anfang der Bandbiografie einer frei erdachten Thrash Metal-Band namens Total Tank.

„2003 lernten sich Micke, Jockel und Flo auf einem Konzert ihrer Lieblingsband Kreator kennen. Bei jeder Menge Bier beschlossen sie, eine Band zu gründen, um es ihren Helden gleichzutun. Ein Name musste her und war schnell gefunden: Total Tank.“

Ein Anfang wie dieser – und jeder A&R bei einem Label hat das Demo in den Müll gepfeffert, jeder Journalist freut sich schon diebisch auf den Verriss dieses Machwerks. Nichtssagender geht es nicht, so haben hunderte Biografien hunderter längst aufgelöster Bands begonnen.

Hier verhält es sich also wie bei jedem guten Artikel, Interview oder Buch:

Der Anfang muss fesseln, andernfalls verliert man einen Großteil der Leser – und damit auch der Hörer.

Um das zu erreichen, arbeiten Bands gerne mit bedeutenden Zitaten, die sie als Überschrift über ihre Biografie setzen. An sich keine schlechte Sache, allerdings sollte das Zitat a) einen deutlichen Bezug zu euch haben und b) nicht völlig abgenudelt sein. „It’s better to burn out than to fade away“ von Neil Young oder Nietzsches „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ sind zwar tolle Sprüche, zierten aber bereits mehr Bandbios als nötig. Also lieber auf ein Zitat verzichten oder zumindest ein wenig Sucharbeit investieren, um einen schicken Spruch aufzutreiben.

Der eigentliche Text, und somit die eigentliche Arbeit, beginnt nach dem Zitat. Wie beginnt man? Gut sind szenische, bildhafte Einstiege (in medias res), amüsante oder haarsträubende Anekdoten oder schlicht und ergreifend ein Knallersatz. Hier ein gelungener Einstieg von Evelyn Evelyn, einem Projekt von Amanda Palmer:

„Evelyn and Evelyn Neville are a songwriting duo performing original compositions on piano, ukulele, guitar and accordion. The sisters are parapagus tripus dibrachius twins, sharing three legs, two arms, three lungs, two hearts and a single liver.“

Dem drögen Auftakt folgt hier der Twist – mit der Tatsache, dass es sich um siamesische Zwillinge handelt. Ist natürlich frei erfunden, zeigt aber, wie sehr man mit verschiedenen Stilen spielen kann. Macht euch eine gewisse Erwartungshaltung der Leser also zunutze. Nach solch einem Anfang hat euch ein Großteil bereits in die langweilige Ecke gesteckt, wird einen Satz später aber urplötzlich überrumpelt. Und so etwas bleibt hängen.

2.2. Die Länge

Der Anfang ist geglückt, die Aufmerksamkeit des Lesers gesichert. Jetzt gilt es, diese Aufmerksamkeit zu halten und wenn möglich sogar noch anzufachen. Hier greift das alte Sprichwort mit der Kürze und der Würze. Niemand will eine Bandbiografie lesen, die mehr als eine Seite hat und akribisch über jedes völlig unwichtige Detail Buch führt. Nehmen wir hier wieder die Bio unserer fiktiven Thrasher von Total Tank:

„2004 richtete man sich im Keller von Jockel einen Proberaum ein, in dem man sich einmal die Woche traf.
2005 musste Gitarrist Flo die Band verlassen. Er wurde von Tommy ersetzt.
2006 kam es zum ersten Auftritt: Im Jugendclub Nichtsloshausen zockten Total Tank, noch ohne Bassist, gemeinsam mit den Bands Agnostic Annihilator, Dead Queens und Bestial Butcher. An diesem Abend lernte man Gerd kennen, der Total Tank schon bald als Aushilfsbassist verstärkte.
Weil Jockels Onkel 2008 umzog, musste man einen neuen Proberaum suchen.“

Kein Scherz: Solche Biografien gibt es wirklich. Interessiert leider nur niemanden. Mit Ausnahme des Gründungsjahres steckt in diesem Geschwurbel keine einzige relevante Information – und wenn ihr nicht Rammstein oder Metallica heißt, ist es völlig uninteressant, wer mal für ein paar Wochen bei euch am Bass ausgeholfen hat.

Habt ihr nichts Interessantes zu erzählen, dann erzählt es nicht – und konzentriert euch auf knackige Kürze.

Die Länge von einer DinA4-Seite sollte keinesfalls überschritten werden, eine Dreiviertelseite kann durchaus als Maß der Dinge gesehen werden.

 

2.3. Der Stil

Natürlich dient eine Biografie dazu, eure Band anzupreisen, den Leser heiß auf die Musik zu machen. Das muss jedoch überaus raffiniert und unterschwellig geschehen und darf keinesfalls arrogant, überheblich oder allzu hochgestochen klingen. Denkt immer daran: Diejenigen, die eure Biografie lesen, haben schon unzählige andere gelesen und sind an manchen Tagen schon vor der Mittagspause über „die Retter des Deutschrock“, „die neue Macht im Black Metal“ oder „die nächste Pop-Prinzessin“ gestolpert.

Ihr müsst eure Vorzüge subtil und möglichst originell anbringen.

So stellt ihr sicher, dass ihr nicht nach Selbstüberschätzung klingt oder im Sumpf der Superlative untergeht. Niemand will von einer sechs Monate alten Band lesen, dass sie das Zeug zu den ganz großen Superstars hat und schon bald in einem Atemzug mit den Beatles, Frank Zappa und REM genannt wird. Haltet euch an die Wahrheit – und nutzt die künstlerische Freiheit, um diese Fakten ein wenig aufzuhübschen. Lasst durchschimmern, dass ihr total Bock auf eure Karriere habt und geschlossen hinter dem steht, was ihr tut. Ihr seid keine Band, ihr seid eine Einheit, in der nichts ohne den anderen geht. Ihr lebt euren Traum, wenn ihr eure Instrumente in der Hand haltet – egal ob im Proberaum, in der Kneipe des Kumpels oder auf der Mainstage bei Rock am Ring.

Ihr macht Musik, weil ihr einen inneren Drang dazu verspürt? Dann schreibt es und unterlegt es mit einer netten kleinen Geschichte über ein Erweckungserlebnis oder euren musikalischen Werdegang. Ihr könnt bereits Erfolge bei Wettbewerben oder Votings vorweisen? Dann lasst es einfließen, aber stellt es keinesfalls großspurig an den Anfang eures Textes. Arroganz und Überheblichkeit als Stilmittel funktionieren nur dann, wenn sie berechtigt sind – und ein dritter Preis beim Schülerwettbewerb „Rock‘ das Klassenzimmer“ ist nicht das Ende der Fahnenstange.

Noch so eine Sache: Vergleiche: Fragt man Musiker danach, was sie davon halten, immer mit Band XY verglichen zu werden, rümpfen sie meist die Nase und sagen Dinge wie „wieso kann man nicht einfach sagen, dass wir nach uns klingen? Immerhin sind wir uns sicher, unseren eigenen Sound gefunden zu haben.“ Sicher. Vergleiche sind dennoch hilfreich, um einem Fremden die Musik fürs Erste ansatzweise begreiflich zu machen. Es geht nicht darum, zu sagen, dass man genau so wie AC/DC klingt. Es geht darum, grobe Orientierungspunkte zu bieten. Deswegen sollten Vergleiche aber auch spärlich eingesetzt werden und nicht im Scharen über den Leser herfallen. „Wenn Pete Steele und Sigur Ros in den Sechzigern zusammen musiziert hätten, könnte etwas ähnliches dabei herauskommen“ klingt deutlich erfrischender und charmanter als „beinharter Rock für alle Fans von Motörhead, Frei.Wild und Dosenbier“. Wenn ihr ohne Vergleiche auskommt – auch gut. Es ist deutlich origineller, Musik ohne Zuhilfename bekannter Bandnamen zu beschreiben. Aber eben auch deutlich schwieriger.

Letztlich preist ihr nicht nur eure Musik, sondern auch euch als Künstler, als Gesamtprodukt. Und großkotzige Arschlöcher mag niemand.

 

2.4. Das Ende

Wie beim Auftakt, sind auch beim Ende der Bandbiografie einige Dinge gewinnbringender als andere. Seid ihr auch noch so händeringend auf der Suche nach Konzerten – erwähnt das nicht in einem üblichen Total Tank-Schlusssatz Marke „Total Tank wollen so viel live spielen wie möglich und freuen sich über jegliche Gig-Angebote.“ Das wäre ein klassisches Eigentor, denn schließlich wollt ihr euch ja nicht unter Wert verkaufen. Der Hinweis zwischendrin, dass Konzerte ein essentieller Teil eurer Band sind, reicht völlig. Wer euch buchen will, macht das dann – und nicht etwa, weil ihr den Booker förmlich anbettelt, euch einen Gig zu geben.

Habt ihr mit einem Zitat begonnen, könnt ihr überlegen, auch mit einem weiteren passenden Zitat zu schließen. Empfehlenswert wäre so oder so ein offenes Ende – eines, das zeigt, dass eure Geschichte gerade erst beginnt.

Frage 3: Was brauche ich noch?

Noch immer sind sogenannte „Selling Points“-Listen am Ende einer Bandbiografie sehr beliebt. Spart euch die Mühe – meist stehen diese Listen unter den Biografien von Bands, die eher mit einer Abwesenheit von Verkaufsargumenten glänzen. Flechtet die Vorzüge in den Text ein, anstatt dem Leser am Ende mit Argumenten wie „für Fans von Bon Jovi und Nickelback“ oder „mit Ex-Mitgliedern von Total Tank“ den letzten Nerv zu rauben.

Weniger ist mehr, lieber mit einem Knallersatz aufhören – Marke „Ihr werdet diesen Tag nie vergessen, an dem ihr Captain Jack Sparrow beinahe geschnappt hättet!“

In der Zusammenfassung sieht das so aus:

1. Eine gute Bandbiografie sichert zu Beginn das Wichtigste: Die Aufmerksamkeit des Lesers.

2. Der Anfang muss fesseln, andernfalls verliert man einen Großteil der Leser – und damit auch der Hörer.

3. Habt ihr nichts Interessantes zu erzählen, dann erzählt es nicht – und konzentriert euch auf knackige Kürze.

4. Ihr müsst eure Vorzüge subtil und möglichst originell anbringen.

5. Letztlich preist ihr nicht nur eure Musik, sondern auch euch als Künstler, als Gesamtprodukt. Und großkotzige Arschlöcher mag niemand.

6. Weniger ist mehr, lieber mit einem Knallersatz aufhören – Marke „Ihr werdet diesen Tag nie vergessen, an dem ihr Captain Jack Sparrow beinahe geschnappt hättet!“

Checkliste: Was muss eine Bandbiografie nach Beachtung dieser Punkte alles enthalten (nicht zwangsläufig in dieser Reihenfolge; ein szenischer Einstieg ist immer zu bevorzugen):

– Werdegang
– Ziel, Agenda, Grund für die Existenz
– Inhalt, Hintergründe der Musik
– Erfolge, nennenswerte Geschehnisse
– Stärken
– Kontaktdaten

Ein letzter Extratipp: Wenn ihr denkt, die Biografie nicht hinzubekommen, so wendet euch lieber an das Popbüro und lasst euch einen fähigen Schreiber vermitteln. Das kostet zwar, ist den Einsatz aber auf jeden Fall wert.


 

Autor: Björn Springorum

Als Vorbereitung auf sein mittlerweile mehr als
abwechslungsreiches Leben studierte Björn Anglistik und Geschichte.
Vor zehn Jahren stieg er beim Musikmagazin Orkus ein und arbeitete dort viele Jahre als fester freier
Mitarbeiter. Seit Ende 2009 ist Björn Textchef und kümmert sich u.a. um vom Orkus präsentierte Festivals.
Nebenbei ist Björn freier Journalist bei Prinz, beim Metal Hammer und den Stuttgarter Nachrichten. Bei den Good News leitet er das Ressort Kultur. weil Björns Tage entgegen derer anderer Menschen offensichtlich 36 Stunden haben, wurschtelt er auch bei Piranha, dem Classic Rock oder dem Blast! Magazine mit und verfasst Pressetexte für
Plattenfirmen und Bands. Um seinen Schlafmangel energetisch auszugleichen schreibt Björn Bücher und trinkt guten Wein.

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